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Der Herdenschutzhund als Familienhund

Ein Herdenschutzhund - Ja oder Nein

Ein Herdeschutzhund - ja oder nein? Das ist ein schwieriges Thema, das kaum objektiv angegangen werden kann, besonders nicht von einem Herdenschutzhundehalter. Ich versuche trotzdem bzw. gerade deswegen auf Pro und Kontra einzugehen. Dabei werde ich meine Meinung ziemlich unverblühmt niederschreiben. Die Hunde haben es verdient, dass wir mit uns ehrlich und selbstkritsch sind.

Das grösste und wiedersprüchlichste Kontra zuallererst: Herdenschutzhunde gehören nicht in unsere Breitengrade. Sie gehören da hin wo sie ursprünglich leben und herkommen und nirgendwo anders hin. Sie gehören in die Weiten der Steppe oder auf Weiden und Höfe in den Bergen, wo sie ihr Territorium abstecken können, ihre Freiheit ausleben können und ihre Aufgaben haben.

Natürlich gibt es Ausnahmen, ich selber gehöre ja auch dazu. Deswegen gibt es ja diese Internetseite, und auch deswegen, weil es eine Illusion ist, diese Hunde nur da leben zu lassen wo sie herkommen. Es wird immer Herdenschutzhunde geben, die den Weg zu uns finden. Entweder als Ferienmitbringsel, als 'geretteter' Importhund, als untergejubelter Goldi-Mischling aus dem Tierheim oder von einem Züchter.

Ich versuche hier die Kontra's und Pro's auf die wesentlichsten Punkte zu reduzieren, damit ich kein Buch schreiben muss. Der Hauptpunkt ist sicher der Mensch, der so einen Hund möchte. Der zweite grosse Punkt ist der Hund selber, da nicht jeder Hund gleich ist. Der dritte wichtige Punkt sind die Lebensbedingungen für den Hund. Idealerweise sollte alles zusammen passen..

Die Lebensbedingungen

Die Lebensbedingungen lassen sich relativ klar einteilen für Pro und Kontra. Urbane Bedingungen sind klar ein Kontra. Der Herdenschutzhund wird sich in einer urbanen Umgebung nie richtig wohlfühlen. Sie steht in einem klaren Wiederspruch zu seinem Wesen. Von Lärm, Hektik und dauernden akustischen Reizen erfüllte Umgebungen sind ein Horror für diese Hunde. Eingeschränkte Bewegungsfreiheit und permanentes 'Funktionieren' müssen, wiedersprechen ihrem Charakter. Der Hund wird entweder zunehmend Verhaltensgestört, er resigniert und gibt sich auf oder er flippt eines Tages aus - viel mehr Optionen gibt es kaum. Urbane Lebensbedingungen können einem Herdenschutzhund niemals gerecht werden.

Ideal ist sicher ein Haus in ländlicher Umgebung und einem gut eingezäunten Grundstück, an das möglichst kein stark frequentierter Weg angrenzt. Wenn der Hund viel Zeit draussen verbringt, sind tolerante und lärmresistente Nachbarn ein grosser Vorteil. Unabhängig davon, ob Sie dem Hund das alles bieten können oder nicht, ist es wichtig, dass er ein Rückzugsressort hat, wo er ungestört verweilen kann wenn ihm danach ist. Damit ist kein Zwinger gemeint sondern eine Ruhezone. Leben auf dem Grundstück noch andere Tiere und wird der Hund voll in die Familie integriert, sind die Bedingungen schon fast paradiesisch.

Der Mensch

Wie soll der Mensch sein der einen  Herdenschutzund möchte? Dazu hat sich bei mir ein klares Bild geformt in den letzen paar Jahren - bodenständig, selbstsicher, gradlinig, geduldig und einfühlsam, tolerant, mit einer natürlichen Autorität und resistent gegen dumme Sprüche. Der Mensch sollte idealerweise auch nicht leicher als der Hund sein.

Falls Sie sich in dieser kurzen Beschreibung nicht wieder erkennen, lassen Sie es bleiben. Wenn Sie zu den Menschen gehören, die mit den grossen Hunden pissen wollen, aber das Bein nicht heben können, lassen Sie es auch bleiben.

Wie erkennt man einen Herdenschutzhunde-Halter?

  • Er hat ungleich lange Arme, hat den Hund an drei Leinen oder die Leine viermal ums Handgelenk gewickelt
  • Oder er hat den Hund immer frei und tut so, als ob der Hund ihm nicht gehört
  • Er versteckt sich oder dreht um, wenn eine Hundebegegnung droht
  • Er empfängt seinen Besuch nur im Restaurant und lässt den Hund Zuhause
  • Oder er muss seinen Hund wegsperren, wenn Besuch kommt
  • Wenn der Besucher ins Haus darf, läuft ihm der Hund konsequent hinterher oder versperrt ihm den Weg
  • Die Wander- oder Veloroute die an seinem Haus vorbeiführt wurde aufgehoben
  • Kinder laufen mit zugehaltenen Ohren am Zaun vorbei
  • Er hat zuerst seinen Zaun erhöht, dann mit Brettern einen Sichtschutz montiert und weil das nichts nutzt noch ein Weidezaungerät installiert
  • Er geht vorwiegend Nachts spazieren oder fährt mit dem Auto in einsame Gegenden
  • Er wird zusehends von den Nachbarn gemieden

Natürlich ist das etwas zynisch das gebe ich zu und fairerweise muss ich erwähnen, dass ich schon Hundeteams kennengelernt habe, wo der Halter nicht im mindesten meiner Ideal-Beschreibung entsprochen hat, aber durch den Herdenschutzhund und mit entsprechender Anleitung sich im Lauf der Zeit ziemlich in diese Richtung entwickelt hat. Voraussetzung ist, dass der Halter oder die Halterin lernfähig ist und am Zusammenleben mit dem Hund wirklich etwas ändern will.

Viele sind auf der Stecke geblieben, haben resigniert, ignorieren ihre Schwierigkeiten im hündischen Zusammenleben, oder noch schlimmer, sie entschuldigen das Verhalten des Hundes mit Sprüchen wie 'es ist eben ein Herdenschutzhund, die sind eben so'. 

Der Hund

Welcher Herdenschutzhund darf es denn sein? Lassen Sie sich nicht vom Aussehen leiten oder von irgendwelchen Geschichten, Mythen oder national geprägten Vorstellungen. Hängen Sie auch nicht den Tierschützer raus der vor Mitleid triefend den so traurig hinter Gitter hervorschauenden Welpen retten will. Lassen Sie den Hund auf sich wirken. Wenn er Sie in der Seele berührt, sind Sie auf der richtigen Spur.

Wenn Sie es einfacher mögen, wählen Sie eine Hündin aus. Wenn Sie gerne fighten, jedes Kommando drei Mal geben wollen und gerne gegen Wände sprechen, nehmen Sie einen Rüden. Das gilt für Maremmani wie auch alle andern Herdenschutzhunde. Pragmatiker sind sie alle.

Wenn Sie eine faire Chance haben wollen auf ein unbeschwertes Miteinander, entscheiden Sie sich für einen Welpen. Nach Möglichkeit aus einer anerkannten Zucht. So haben Sie eine ungefähre Vorstellung was Sie erwartet. In allen andern Fällen kaufen Sie die Katze im Sack, bzw. den Hund.

Hunde unbekannter Herkunft oder Herdenschutzhund-Mischlinge können ausserordentlich explosive Mischungen sein. Das sind definitiv keine Hunde für Anfänger und schon gar keine für selbsternannte Tierschützer mit weichen Herzen. Ich schreibe das, weil genau solche Hunde in Tierheimen ihr jämmerliches Dasein fristen oder von Tierschützern oder Tierschutzorganisationen von der Strasse gerettet und in konzentrationslagerähnliche Einrichtungen gesperrt werden. Vermeiden Sie es auch, sich einen Herdenschutzhund anzuschaffen, der aus einer direkten Arbeitslinie kommt, quasi direkt ab Schäfer. Diese Hunde sind eine ausserordenlich grosse Herausvorderung. An deren Eigenständikeit und Kompromisslosigkeit musste schon mancher Halter kapitulieren (ich eingeschlossen).

Von der Rasse her ist der Maremmano meiner Meinung nach ein Hektiker mit Turbolader, ein typischer Südländer eben. Er ist schnell im Spurt, hat eine grosse Kraft, ist sehr ungestühm und seine Dynamik ist oft schneller als sein Hirn. Ich habe den Maremmano als einen der am schwierigsten einschätzbaren Herdenschutzhunde wahrgenommen. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie immer und ich kenne auch nicht alle Herdenschutzhunderassen.

Vom Grundwesen her sind alle Herdenschutzhunde ziemlich gleich. Die östlichen Hunde sind eher etwas gefestigter und 'überlegter', aber sehr kompromisslose Wächter. Die Unterschiede sind bedingt durch seine Entwicklungsgeschichte, die Selektionskriterien der Menschen, seinen angestammten Aufgaben und von der Region wo Sie heimisch sind. Die Menschen in seinen Ursprungsregionen haben einen grossen Respekt vor diesen Gefährten. Diesen Respekt haben sie sich verdient und den sollten wir beibehalten.