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Der Herdenschutzhund als Familienhund

Ein neuer Hund

Die Entscheidung für einen Hund ist eine Entscheidung fürs Leben. Die Entscheidung für einen Hirtenhund bzw. einen Herdenschutzhund kann zusätzlich einschneidende Folgen haben und mitunter recht unbequem werden.

Bevor ich hier loslege, möchte ich aber einem Mythos entgegenwirken. Ein Herdenschutzhund darf/kann sich jeder halten, egal ob Anfänger oder 'Profi', ob einsamer Wolf oder Familienfan. Man braucht auch kein Spezialist zu sein mit 20 Jahren Hunde-Erfahrung. Manchmal ist es sogar von Vorteil wenn man unvoreingenommen an diese Hunde herangeht. Man sollte sich aber bewusst sein auf was man sich einlässt und was auf einem zukommen kann, und sich nicht aus eine Laune heraus einen 'Knudelbären' anschaffen.

Wenn Sie einen einfachen, gut erziehbaren und problemlos funktionierenden Familienhund suchen (sofern es das überhaupt gibt) sind Sie hier definitiv falsch. Herdenschutzhunde sind keine Spielzeuge für Kinder und erfordern einen hohen Aufwand an Geduld, Energie und Zeit. Sie sind gross und brauchen Platz, sie sind haarig und nichts für Reinheitsfantiker und sie sind launisch und nichts für unflexible Menschen. Sie haben ein starkes Territorialverhalten und sind besitzergreifend, und sie agieren entsprechend. Selbstverständlich gibt es grosse Unterschiede in ihrem Wesen. Das hängt von ihrer Herkunft ab und von ihrer Prägung. Genetisch bedingte Wesenszüge kommen aber meist erst in oder nach der Pubertät zum Tragen. Das macht die Auswahl eines Herdenschutzhundes oftmals etwas zur Lotterie. Die Beziehung zwischen dem Halter und dem Hund und die soziale Integration ist jedoch entscheidend für seine Entwicklung.

Herdenschutzhunde stellen hohe Anforderungen an den Halter und sein Umfeld. Erziehung und Integration in die soziale Struktur erfordern sehr viel Zeit und Geduld. Verfallen sie nicht dem Irrtum, zu meinen, dass Sie nach dem Besuch eines Junghundekurses oder eines Erziehungskurses ihren Hund im Griff haben. Das Territorial- und Schutzverhalten entwickelt sich oft erst im Alter von 2 bis 3 Jahren. Bis zum Alter von 4 Jahren durchläuft der Herdenschutzhund mehrere "Pubertätsschübe" bei denen er sich jedesmal verändern kann.

Anforderungen für zukünftige Halter

Die folgenden Anforderungen gelten für alle Hundehalter, ganz besonders aber für Halter von Herdenschutzhunden. Die Auflistung soll verhindern, dass Hirtenhunde an Plätze kommen, wo sie am Ende als Problemfälle im Tierheim landen oder sogar getötet werden müssen. Die häufigsten Ursachen dafür sind, dass die Halter diese Hunde vollkommen falsch eingeschätzt haben, sich selber überschätzt haben oder über das Wesen Wesen des Hundes nicht Bescheid wussten. Entweder wurden sie falsch informiert oder sie haben alle Ratschläge und Hinweise ignoriert. Noch schlimmer ist, wenn solche Tiere aus rein optischen Gründen angeschafft werden, etwa weil sie edel oder knudelig aussehen, einen majestätischen Eindruck vermitteln oder aus einem falsch verstandenen Nationalstolz angeschafft wurden.

  • Keine Angst haben vor grossen und ungestümen Hunden (das gilt für alle Familienmitglieder).
  • Sich mit dem Wesen dieser Hunde zu beschäftigen, ihre Charaktereigenschaften zu akzeptieren und zu akzeptieren was sie können und was nicht. Kurz, sie müssen sich bewusst sein, dass diese Hunde etwas anders funktionieren als andere Hunde (ausführliche Infos dazu im Artikel "Der Hirtenhund als Familienhund").
  • Der zukünftige Halter muss dafür geeignet sein, dass ihn der Hund als Autorität akzeptiert. Er muss wissen wie er dem Hund die notwendigen Strukturen beibringen kann und er muss die notwendige natürliche Autorität, Gelassenheit und Geduld haben. Er muss den Willen aufbringen mit dem Hund auch in schwierigen Zeiten konsequent und mit Verständnis zu arbeiten.
  • Die Bereitschaft, den Hund voll in die Familie zu integrieren. Jedes Familienmitglied muss voll und ganz dazu stehen können einen Herdenschutzhund anzuschaffen.
  • Der zukünftige Halter sollte wissen oder muss sich darüber informieren, wie ein Hirtenhund zu sozialisieren ist.
  • Keine ausschliessliche Wohnungshaltung aber auch keine ausschliessliche Aussenhaltung und schon gar nicht eine Zwingerhaltung. Idealerweise sollte ein gut eingezäuntes Grundstück mit freien Auslauf vorhanden sein und der Hund freien Zutritt in den Wohnbereich haben. Ungeeignet sind Stadtwohnungen, ein Reihenhaus mit Minigarten oder ein Einfamilienhaus mit kleinem Grundstück inmitten einer eng gebauten Siedlung. Das Territorialverhalten des Hirtenhundes würde hier früher oder später Konflikte verursachen.
  • Ständiger sozialer Kontakt mit Menschen ist ein Muss, d.h. Arbeitstätige, die den Hund regelmässig alleine lassen, dürfen sich vernünftigerweise keinen Hirtenhund anschaffen. Ein Hirtenhund ist in der Regel auch nicht dazu geeignet an einen Arbeitsplatz mitzunehmen oder jeden Tag stundenlang allein gelassen zu werden.
  • Der Wille mit dem Hund eine Welpenspielgruppe und/oder einen Erziehungskurs zu besuchen, ihm ausreichend Zeit zu widmen und für Beschäftigung zu sorgen. Sie sollten Willens und Fähig sein, bezüglich Hundehaltung und Erziehung permanent dazu zu lernen und sich nicht scheuen, bei Problemen kompetente Hilfe anzunehmen.

Zusätzliche Anforderungen für Erstbesitzer

Erstbesitzer sollten sich zusätzlich über die allgemeinen Konsequenzen einer Hundehaltung bewusst sein:

  • Sie haben stabile und geordnete Familienverhältnisse.
  • Bei Mietwohnungen benötigen Sie das Einverständnis des Vermieters.
  • Akzeptanz im nachbarschaftlichen Umfeld.
  • Gibt es Ängste, Vorbehalte oder Allergien im eigenen Haushalt?
  • Gibt es eine Notfall Pflegestelle für Ferien oder längere Abwesenheiten.
  • Kann ich damit umgehen, wenn der Hund nicht meinem Idealbild entspricht?
  • Wie hoch ist meine Toleranzgrenze bezüglich unvorhergesehenen Verhaltensweisen und Schmutz?
  • Bin ich mir über die laufenden Kosten bewusst (Futter, Tierarzt etc.)?
  • Bin ich mir bewusst, dass ich diesem Hund 10 bis 15 Jahre lang ausreichend Zeit widmen muss und sich mein Leben unter Umständen einschränken kann?

Natürlich gehört noch eine Menge mehr zur Hundehaltung, aber immerhin sind diese Anforderungen eine gute Basis. Letztendlich kommt es auf die Beziehung Mensch - Hund an.