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Der Herdenschutzhund als Familienhund

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Aggressionen

Was ist Aggression?

Zum natürlichen Lernprozess gehört das Optimieren des eigenen Zustandes und damit auch das Überleben der nächsten Generationen zu sichern. Zur  Optimierung des eigenen Zustandes gehört das Sichern der Ressourcen, wie Nahrung und Fortpflanzung. Zum Erwerben und Halten dieser Ressourcen braucht es aggressives Verhalten. Dieses Angriffs- und Drohverhaltens braucht immer einen spezifischen Auslöser, es ist kein permanentes Verhalten.

Aggression ist nichts böses, sondern ein natürliches Verhalten. Für den Hund ist Aggression ein Mittel zur Kommunikation und ein Mittel Konflikte zu lösen.  

Erhöhte Aggressionsbereitschaft

In unserer Gesellschaft hat ein Hund keinen Grund zu Aggressionsverhalten - sollte man meinen. Ein knurrender, drohender oder schnappender Hund zeigt uns aber das Gegenteil. Er zeigt uns, dass er sich unwohl fühlt, bedrängt wird, vor etwas Angst hat oder einfach nur wütend ist. Übersteigerte Aggression ist immer Ausdruck von Frustration, Angst, Unsicherheit oder auch Überforderung. Die Ursachen sind vielfältig und die Aggression entwickelt sich immer über einen längeren Zeitraum. Um die Gründe einer übersteigerten Aggression herauszufinden, müssen wir hinsehen, zuhören und versuchen zu verstehen. So ist es auch möglich dagegen zu wirken und die Aggression umzuleiten, so dass der Hund positive Erlebnisse hat.

Agressionsformen

Emotional bedingte Aggressionsverhalten:

  • Rangordnungsaggression
  • Dominanzaggression (sexuelle Rivalität)
  • Territorialaggression (Revierverteidigung)
  • Mütterliche Aggression (Welpenschutz)
  • Aggression infolge Schmerzen oder Krankheit
  • Frustration
  • Erlernte Aggression

Nicht emotional bedingtes Aggressionsverhalten:

  • Jagdverhalten

Aggressionspotentiale beim Herdenschutzhund

Beim Herdenschutzhund kommen folgende Aggressionspotentiale hinzu:

  • Misstrauen gegenüber Unbekanntem
  • Eigenständiges Handeln
  • Permanente Verteidigungsbereitschaft
  • Territorial motivierte Angriffsbereitschaft (Schutz)
  • Erhöhte Sensibiliserung bei Dämmerung
  • Blitzschnelles Umschalten vom phlegmatischen- ins Alarm-Verhalten

Entscheidend für das Verhalten von Herdenschutzhunden ist eine korrekt durchgeführte Sozialisierung und Junghundeetwicklung (Coppinger, 1995). Herdenschutzhunde können aufgrund unzureichender Sozialisierung ausgesprochen unangenehm sein, weil sie dann einer Mischmotivation zwischen Angriffs- und Fluchtverhalten folgen (Bloch 1999). Dieses Verhalten beim Hund wird oft mit Dominanz verwechselt, weil sich der territorial orientierte Herdenschutzhund innerhalb seines Reviers sicher fühlt und damit die eigentliche Ängstlichkeit geschickt überspielen kann. Typisches Anzeichen von territorialer Motivation ist auch ein übersteigertes Markierungsverhalten im eigenen Revier und damit verbunden ein höheres Aggressionpotential.

Hektische, unausgeglichene, stark dominierende oder unsichere Hundehalter verstärken das Aggressionsverhalten ganz entscheidend.

Herdenschutzhunde verändern ihr Verhalten bei abnehmendem Licht, das heisst, die Reizschwelle sinkt mit Zunahme der Dunkelheit und der Hund zeigt ein höheres Aggressionsverhalten. Bei schlecht erkennbaren optischen Reizen zeigt der Herdenschutzhund grössere Verteidigungsbereitschaft. Ein Angriff kann blitzschnell ohne jede Vorwarnung erfolgen. 

Viele Herdenschutzhunde haben eine besonders enge Personenbindung. Dies fördert sozial motivierte Agression gegenüber Zweit- oder Dritthunden im eigenen Revier. Diese Statusaggression kann sich auch gegen Menschen richten. In manchen Fällen sogar gegen eigene Familienmitglieder. Ist das der Fall, muss der Mensch Dominanz demonstrieren und für Ordnung in der Sozialrangordnung sorgen. Verhindern lässt sich das in der Regel durch eine ganzheitliche soziale Integration in unserm Revier und in unserm gesamten Umfeld, und das von Anfang an.

Da aggressives Verhalten in der Regel selbstbelohnend ist, bedeutet das, dass der Hund bei jedem Erfolg seines aggressiven Verhaltens darauf konditioniert wird. Durch unsere Hilflosigkeit oder Passivität gegenüber aggressivem Verhalten, fördern wir die Aggression. Mit der Zeit festigt sich das Aggressonsverhalten und verstärkt sich immer mehr. Durch chemische Vorgänge im Gehirn (Ausstoss von Adrenalin und Endorfin) kann zusätzlich ein Suchtverhalten entstehen. Einen Hund aus dieser Lernspirale herauszureissen benötigt viel Geduld und Energie.

Die Vermeidungstaktik und die Umleitung auf alternative Verhaltensweisen sind die am vielversprechendsten Sofortmassnahmen bei solchen Fällen. Menschen die mit so einem Hund konfrontiert werden, sollte man vorab instruieren, dass ein Herdenschutzhund keinesfalls unaufgefordert beachtet, angesprochen oder gestreichelt werden darf. Ignorieren mit Vermeidung von direkten Blickkontakt gegenüber dem Hund provoziert keine sozial motiverten Angriffe oder Drohgebärden.

Die meisten Herdenschutzhunde wollen einfach nur in Ruhe gelassen werden und verhalten sich nach umsichtiger Sozialisierung relativ neutral. In kritischen Situationen hilft im Zweifelsfall die Führung mit Hilfe eines Halti. Das lässt bei Mensch und Hund erst gar keinen Stress aufkommen. Mit klaren Spielregeln, einem strukturierten Umgang mit dem Hund und einer Ritualisierung von Vorgängen kann Droh- und Angriffverhalten im Zaum gehalten werden, so dass Verletzungen verhindert werden können. Einmal vorhanden, lassen sich Aggressionsprobleme ohne sachkundige Hilfe aber selten lösen.